Institut für Empirische Kulturwissenschaften und Europäische Ethnologie
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Forschung

Digitale Transformationen postmortaler Beziehungen
Eine Ethnografie KI-basierter Trauer-, Sorge- und Erinnerungspraktiken

Digitale Technologien eröffnen neue Möglichkeiten, Beziehungen zu Verstorbenen über den Tod hinaus aufrechtzuerhalten. KI-basierte Chatbots, Avatare oder sogenannte „Deadbots“ versprechen, aus den digitalen Spuren verstorbener Personen neue Formen postmortaler Präsenz zu erzeugen – und damit Kommunikation, Erinnerung und sogar Intimität mit den Toten fortzusetzen. Mein Postdoc-Projekt untersucht ethnografisch, wie Menschen diese Technologien tatsächlich nutzen und welche Rolle sie in Trauer-, Sorge- und Erinnerungspraktiken spielen. Im Zentrum steht die Frage, wie sich Beziehungen zwischen Lebenden und Verstorbenen verändern, wenn sie durch KI-Systeme vermittelt werden. Dabei interessieren mich insbesondere die affektiven Dimensionen dieser Praktiken: Wie erleben Nutzer digitale Begegnungen mit Verstorbenen? Welche neuen Formen von Nähe, Verantwortung oder Abhängigkeit entstehen in der Interaktion mit solchen Technologien? Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive analysiere ich diese Entwicklungen als Teil einer umfassenden digitalen Transformation von Trauer- und Erinnerungskulturen. Zugleich rückt das Projekt gesellschaftliche Konfliktlinien in den Blick, die sich an der Schnittstelle von Plattformökonomie, Datenverwertung und emotionaler Vulnerabilität eröffnen. Die Studie verbindet ethnografische Feldforschung mit Ansätzen der Affekt- und Careforschung und trägt dazu bei, die sozialen Folgen KI-basierter Digital Afterlife-Technologien besser zu verstehen.

 

Das Affektregime weiblicher Altersarmut
Zur subjektiven Verarbeitung von Prekarität

Altersarmut betrifft in erster Linie Frauen. Sie ist das Ergebnis geschlechtsspezifischer Arbeits- und Lebensverläufe, politischer Versäumnisse und sozialstaatlicher Rückzüge – und nicht zuletzt eines sozialen Sicherungssystems, das einseitig auf Lohnarbeit zentriert ist. Doch was bedeutet es, Armut im Alter tatsächlich zu erleben? In meiner Forschung werfe ich einen Blick auf die affektive Dimension weiblicher Altersarmut. Ausgehend von ethnografischen Porträts zeige ich, dass Gefühle wie Scham, Einsamkeit, Angst, Melancholie oder Kränkung keine individuellen Phänomene sind, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Ungleichheiten. Gleichzeitig prägen sie die Handlungsmöglichkeiten jener Frauen, deren Leben von prekären Beschäftigungsverhältnissen und Fürsorgeverantwortung bestimmt waren. Die empirische Studie gibt intime Einblicke in die alltäglichen Verstrickungen einer Generation, für die das Versprechen eines finanziell abgesicherten „wohlverdienten Ruhestands“ brüchig geworden ist – und macht deutlich: Altersarmut ist auch eine zutiefst emotionale Erfahrung. Eine Erfahrung, die Vereinzelung fördern, politische Mobilisierung erschweren und neue affektive Zumutungen hervorbringen kann. Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive entwickle ich dabei das Konzept der Affektarbeit weiter und eröffne damit eine neue Sicht auf ein drängendes gesellschaftliches Problem.

Lecture Performance: SELBST – SCHULD – KATAPULT
Eine künstlerische Auseinendersetzung mit weiblicher Altersarmut

Die Lecture Performance ist aus meiner Dissertation zur affektiven Dimension weiblicher Altersarmut hervorgegangen und übersetzt zentrale Forschungsergebnisse in ein künstlerisch-wissenschaftliches Format. Ausgangspunkt bilden ethnografische Interviews mit Frauen, die im Alter in prekären Lebensverhältnissen leben. Ihre Stimmen, Erfahrungen und Gefühle stehen im Zentrum der Performance. In der Verbindung von wissenschaftlicher Reflexion, performativer Lesung und musikalischer Begleitung werden ethnografische Porträts, theoretische Textfragmente und reflexive Notizen aus dem Forschungsprozess miteinander in Dialog gebracht. So wird sichtbar, dass Altersarmut nicht nur eine materielle Realität ist, sondern auch eine zutiefst emotionale Erfahrung, die mit Scham, Schuld, Einsamkeit und gesellschaftlicher Abwertung verbunden sein kann. Mit der Lecture Performance verfolge ich das Ziel, meine Forschung über den akademischen Kontext hinaus zugänglich zu machen und einen Raum zu eröffnen, in dem wissenschaftliche Analyse, künstlerische Praxis und gesellschaftliche Debatte miteinander in Austausch treten.

Forschung, Text und Regie: Dr. Alexandra Rau
Performance: Maria Berauer
Musik: Pola Dobler
Sprecherinnen: Dr. Alexandra Rau, Sara van der Weck und Shirli Volk

Nächste Aufführung:
Freitag, 27. März 2026, 19:00 Uhr
Jazz-Club Augsburg, Philippine-Welser-Str. 11