Institut für Empirische Kulturwissenschaften und Europäische Ethnologie
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Forschung

Forschungsschwerpunkte

  • Osteuropaforschung (u.a. Transformnationsprozesse in Polen und Kroatien)
  • Frauen- und Genderforschung
  • Soziale Bewegungen und Protestkulturen
  • Erinnerungskulturen
  • Nationalismus und Populismus
  • Materielle und populäre Kultur

Postdoc-Projekt

Gegen die Revolution von rechts? Ethnografische Perspektiven auf (anti-)feministische Abtreibungsdiskurse und den „Aufstand der Frauen” in Ost- und Westeuropa

Das Forschungsprojekt beschäftigt sich mit der Veralltäglichung der (anti-)feministischen Abtreibungsdiskurse im europäischen Ost-West-Vergleich und nimmt dafür vier EU-Mietgliedstaaten (Deutschland, Irland, Kroatien, Polen) mit unterschiedlichen Stufen der Liberalisierung, katholischer Prägung und nationaler Kodierung der Abtreibungsfrage in den Blick. Die Studie aus dem Bereich der Gender- und Protestforschung setzt sich zum Ziel auf der Grundlage komparativer ethnografischer Fallstudien einen Beitrag zur Erforschung der Logiken, Praktiken und Narrativierungen der europäischen Pro-Life- und Pro-Choice-Bewegungen zu leisten. Hierfür rücken vor dem Hintergrund des „kulturellen Backlash” (Norris/Inglehart), der zunehmenden katholischen Rigidität sowie der umstrittenen Pönalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen die symbolisch-habituellen, sinnlich-ästhetischen und reflexiven Selbstinszenierungspraktiken sowie die emotiven Legitimierungs- und Proteststrategien in den unmittelbaren Fokus der Untersuchung. Poststrukturalistischen Logiken der (De-)Konstruktion, (Re-)Präsentation und Verhandlung von Geschlecht und reproduktiver Autonomie folgend, fungiert der Abtreibungsdiskurs als Seismograph für gesamteuropäische Entwicklungstendenzen. Als Spiegelbild der nationalstaatlichen sowie europäischen Orientierungskämpfe um politische und kulturelle Hegemonie (Hall), reflektiert die Abtreibungsfrage zugleich den Gehalt von Diskursen um Mutterrolle und Familienpolitik, Gleichstellung- und Sexualpolitik, Menschenrechte und Selbstbestimmung der Frau sowie ihre gesellschaftspolitischen Legitimationen.
Dem akteurs- und subjektzentrierten Ansatz der Europäischen Ethnologie entsprechend, wird die Perspektive der AbtreibungsbefürworterInnen und der LebensschutzaktivistInnen zentral gesetzt und ihre antagonistischen Logiken, Praktiken und Motive insbesondere dank praxistheoretischer Zugänge zu Emotionsforschung im Kontext von Protest als „doing emotion” (Scheer) erforscht. Ferner wird beabsichtigt, die im Zuge dieses Forschungsprojekts eingefangenen Mikroperspektiven der AkteurInnen in alltäglichen Aktions- und Protesträumen, zum Beispiel bei Demonstrationen, im Rahmen von Cyberaktionen oder in Form visuellen Widerstandes via Plakatkampagnen, ebenfalls in ihren makroperspektivischen Verwobenheiten im Kontext der historischen Pfadabhängigkeiten und zeitgenössischen „Kulturkämpfe” unter der Berücksichtigung des Nexus von Kirche, Politik und Zivilgesellschaft differenziert zu beleuchten. Die Studie hat dadurch zum Ziel Schlaglichter auf das Erstarken feministischer Bewegungen in West- und Osteuropa sowie auf den neokonservativen Backlash und die europäische Zivilgesellschaft antimoderner Prägung zu werfen.
Das Forschungsvorhaben, dem eine Methodentriangulation aus teilnehmenden Beobachtungen, Diskurs- und Dispositivanalyse sowie qualitativen Interviews zugrunde liegt, möchte die Verhandlung der Abtreibungsfrage im europäischen Vergleich aus einer ästhetisch-gendersensiblen und einer moralisch-weltanschaulich-religiösen Perspektive analysieren und damit einen Beitrag nicht nur zur europäisch-ethnografischen Geschlechter- und Protestforschung, sondern auch zu Emotions-, Populärkultur-, Nationalismus-, Transformations- und Osteuropaforschung leisten.

Weiterführende Links
Dr. Agnieszka Balcerzak – Postdoc Project