Institut für Volkskunde/ Europäische Ethnologie
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Jugendszenen in München. Ethnografische Perspektiven auf jugendkulturelle Räume und Praxen in urbanen Milieus

Lernforschungsprojekt vom Sommersemester 2017 bis Wintersemester 2017/18

Inhalt und Ziel des Lernforschungsprojekts war die Durchführung von ethnografischen Untersuchungen zu jugendlichen Szenen, ihren Praxen und Bedeutungseinschreibungen in den Münchner Stadtraum. Es galt den Akteur*innen und ihren Orten und Räumen, ihren Objekten und Praktiken, schließlich Geschichten und Deutungen mittels der Methoden der Europäischen Ethnologie zu folgen: Teilnehmenden Beobachtungen, qualitativen Interviews, Fotodokumentationen und Medienanalysen. Die Ergebnisse der Feldforschungen wurden in einem von den Studierenden selbst gestalteten Magazin einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Neben "klassischen" Texten und Bildern finden sich dort Interviews mit unseren Gesprächspartner*innen, Selbstporträts, Auszüge aus den Feldtagbüchern, theoretische Reflexionen, Infoboxen zu szenetypischen und wissenschaftlichen Begriffen, ein Comic und eine Fotostory. Die Präsentation der Ergebnisse fand im Mai 2018 in der Glockenbachwerkstatt in München statt.

Nach dem einführenden Artikel von Marketa Spiritova widem sich Janina Schletz und Stefanie Gerhardt den Formen der Diskriminierung von Mädchen und Frauen in der Gameszene. In ihrem Text zeigen die beiden Autorinnen auf, wie vor allem in Online-Multiplayerspielen Gamerinnen systematisch „gedoxxt“, „geswattet“, bedrängt und belästigt werden. Wie die jungen Frauen mit der Diskriminierung umgehen, zeigen sie anhand eines Interviews und einem selbst entworfenen Comic.

Einen Fokus auf die Kategorie Gender wählen auch Luca Haugg, Elisabeth Mair und Michaela Schuppe, die in der vielleicht bekanntesten Szene geforscht haben: Es geht um Skaterinnen und Skater in München und ihren „Platzl“, ihre „Bowls“, „Runs“ und „Jams“. Dabei fragen sich die Forscherinnen zweierlei: Ist die einst rebellische Skateszene - gerade in München - dem Mainstream zum Opfer gefallen? Und: Wo stehen die Mädchen und jungen Frauen in der Szene - sind sie voll dabei oder machen sie nur als Fan Girls, als sogenannte „Betties“, mit?

Gesellschaftspolitisches Engagement steht im Zentrum des Beitrags von Tabea Stirenberg, Tim Kriegelsteiner und Wladislaw Neumann. In ihren Texten fragen sie nach den Motiven und Zielen der Jugendorganisation der Tierrechtsbewegung PETA, PETA Zwei, und damit nach den juvenilen Praktiken der Politisierung des Alltags. Dabei zeichnen sie zum einen die zuweilen aufsehenerregenden Proteststrategien von PETA Zwei im öffentlichen Raum nach. Zum anderen zeigen sie auf, dass ein allumfassender veganer Lebensstil wesentliches Distinktionsmerkmal und Voraussetzung ist, sich bei PETA Zwei zu engagieren.

Raphael Rüschendorf beschäftigt sich wiederum mit der (post-)migrantischen Jugendkultur, genauer: mit Jugendlichen aus Russland und den Republiken der ehemaligen Sowjetunion, die sich in russischsprachigen Vereinen organisieren. Es geht ihm um die Frage nach den Identitätskonstruktionen in einem interkulturellen Spannungsfeld. Dabei zeigt sich, dass die Sprache das wichtigste Zugehörigkeitskriterium für die jungen Menschen darstellt, nur selten fußt die emotionale Bindung an eine „russische Kultur“ auf ethnisch-nationalen Argumentationen.

Mit dem „elitären München“ beschäftigen sich Nadine Gebhardt, Michael Brielmaier und Nicolas Dittgen. Nadine stellt Porträts von drei jungen Menschen aus München vor, die auf die Europäische beziehungsweise Internationale Schulen gingen. Bei allen drei Interviewpartner*innen wird deutlich, welch hohen Stellenwert Bildung, die Kenntnis von Sprachen und die Kompetenz, sich in ganz unterschiedlichen kulturellen, nationalen wie transnationalen, Kontexten zu bewegen, für die weiteren Lebenswege haben.
Nicolas konnte wiederum mit Kindern aus einer Diplomatenfamilie sprechen und erfahren, wie und mit wem sie ihre Freizeit verbringen, wie sie Freundschaften knüpfen und Beziehungen pflegen, wenn sie - bedingt durch die Berufe ihrer Eltern - häufig ihren Wohnort und ihre Schule wechseln müssen.
Den Abschluss macht Michaels ethnografische Forschung zu den Mitgliedern von „Rotaract“, der Jugendorganisation des Serviceclubs „Rotary“. Dabei fördert der Autor ambivalente Befunde zutage: Da sind auf der einen Seite der Besitz ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitals und ein elitärer Habitus, der Vorurteile weiter zu vertiefen scheint. Da sind aber auch hohes zivilgesellschaftliches Engagement und eine kritische (Selbst-)Reflexion der Akteur*innen, die einen Wertewandel innerhalb von Rotary bewirken wollen, auf der anderen.

All diese Ethnografien geben Einblicke in die Lebenswelten ganz unterschiedlicher junger Erwachsener: in ihre Lebensstile und Alltagspraktiken, in ihre Handlungsmotive und Bewältigungsstrategien, in ihre Werthaltungen, Wünsche und Zukunftsvorstellungen

Die im Rahmen des Studienprojekts erstellte Broschüre kann hier heruntergeladen werden.