Institut für Volkskunde/ Europäische Ethnologie
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München versicherheitlicht

Fußballstadien, Fans und die polizeiliche Choreographie von Spieltagen; die Münchner Sicherheitskonferenz; bewachte Wohnanlagen und ihre ausschließenden Effekte; die Sicherheitswacht Neuhausen-Nymphenburg; die Abfertigung von Luftfracht am Münchner Flughafen; der Einsatz von Tieren bei der Polizei; die Arbeit von Türsteher_innen; die Un/sichtbarmachung und Überwachung migrantischer und insbesondere kurdischer Organisationen: Das waren für zwei Semester unsere Themen im Studienprojekt „München versicherheitlicht – Sicherheit in München“. Wir, das sind 8 Studierende des Masters Europäischen Ethnologie in München.

Ziel des Projektes war, Sicherheitsräume, -akteure, -maßnahmen und -öffentlichkeiten zu erkunden: Der Alltag der ‚Un/Sicherheit’ stand damit im Fokus. Was ‚Sicherheit’ im Alltag bedeutet beziehungsweise wie der Alltag von Menschen, die Sicherheit schaffen, aussieht: Das war die Leitfrage unseres Forschungsseminars.

Die Frage nach dem Alltag der Un/Sicherheit in München zu stellen, liegt aus mehreren Gründen auf der Hand: München gilt statistisch gesehen als die sicherste Stadt Deutschlands, hier gibt es unzählige Sicherheitsakteure und -veranstaltungen. Seit mehr als 50 Jahren findet die Sicherheitskonferenz in München statt, in mehreren Stadtvierteln gibt es eine Sicherheitswacht und auch durch Großevents wie das Oktoberfest oder Fußballspiele in der Allianz Arena ist das ‚Sicherheit’ in der Stadt immer wieder Thema.

All dies sowie die seit dem Ende des Kalten Krieges und spätestens seit 9/11 veränderte öffentliche Wahrnehmung von Sicherheit- und Bedrohungssituationen waren Anlass für uns, in mehrmonatigen Feldforschungen der Produktion und Verhandlung von ‚Sicherheit’ in München nachzugehen: Was verändern bestimmte Sicherheitsereignisse, -Akteure und -Maßnahmen in der Stadt? Wie prägen sie München?

‚Sicherheit’ ist für uns keine objektive Größe. Sie ist vielmehr eine Anrufung, ein Ziel, das nie ganz erreicht werden kann. Und: ‚Sicherheit’ geht immer einher mit ‚Unsicherheit’. Dieses Doppel haben die Sozial- und Kulturwissenschaften in den letzten Jahren zunehmend als Prozess verstanden und mit dem Begriff Ver(un)sicherheitlichung bezeichnet: Etwas ist nicht einfach eine Frage der Sicherheit, es wird dazu gemacht womit im Umkehrschluss bestimmte Personen, Räume oder Objekte als Unsicherheitsfaktoren deklariert werden (mehr über kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Sicherheit hier).

Das Studienprojekt „München versicherheitlicht – Sicherheit in München“

In Studienprojekten führen Studierende über zwei- bis drei Semester und unter Betreuung einer Dozentin oder eines Dozenten selbständig Forschungen zu einem Oberthema durch. In unserem Studienprojekt mit dem Titel „München versicherheitlicht – Sicherheit in München“ haben wir mit Türsteher_innen, mit der Hunde- und der Reiterstaffel der Polizei, mit Freiwilligen von der Sicherheitswacht Neuhausen, mit Luftfrachtkontrolleur_innen, Fußballfans und kurdischen Organisationen, mit Archivar_innen des Hauptstaatsarchivs und des Stadtarchivs, mit Bewohner_innen und Concierges von abgesicherten Wohnanlagen, mit Demonstrant_innen und Ladeninhaber_innen und mit Polizist_innen gesprochen. Wir haben sie während Trainings und an Spieltagen begleitet, sie an ihrem Arbeitsplatz besucht, uns Lagerhallen angesehen und Aktenverzeichnisse gesichtet.

Wir haben Orte und Viertel, in denen sich diese Akteure bewegen, erkundet und versucht zu begreifen, was ‚Sicherheit’ und ‚Unsicherheit’ für verschieden Akteure jeweils bedeutet. Herumzustreifen, sich auf die Lebens- und Arbeitswelten von Menschen einzulassen, informelle Gespräche und Interviews zu führen, am Alltag von Menschen teilzunehmen (z.B. an Demonstrationen oder Infoveranstaltungen), aber auch Medientexte und -diskurse zu analysieren – all dies macht die ethnographische Methode aus, die wir im Studienprojekt verfolgt haben.

Acht Themen haben wir ethnographisch erkundet: Mona Bergmann und Bastian Nachtmann haben den routinierten Ausnahmezustand beforscht, der jedes Jahr die an der Sicherheitskonferenz beteiligten und von ihr betroffenen sowie die gegen sie demonstrierenden Akteure erfasst. Jedes Jahr aufs Neue werden Teile der Münchner Innenstadt für die Konferenz gesperrt und zu einem „sicheren Raum“ gemacht. Mit un/sicheren Räumen hat sich auch Anne Dietrich auseinandergesetzt. Sie erkundete, ob es so etwas wie Gated Communities in München gibt, wie Grenzen um exklusive, abgesicherte Appartements und Wohnanlagen gezogen werden und konnte zeigen, dass es dabei häufig um das Gefühl der sozialen Sicherheit und Abgrenzung geht. Mit dem Einlass in einen gesicherten Raum beschäftigte sich auch Ma. S.1, die die Arbeits- und Lebenswelten von Türsteher_innen erkundete und so zeigen konnte, wie und warum man überhaupt Türsteher_in wird und was diese Arbeit bedeutet. Ebenfalls mit Sicherheitskräften und -produzent_innen beschäftigten sich Alessa Füger und Laura-Louise Gettmann. Alessa Füger folgt der Frage, warum Menschen im Rahmen einer „Sicherheitswacht“ als Freiwillige für die Polizei durch Neuhausen - Nymphenburg patrouillieren und Laura-Louise Gettmann erkundete die Lebenswelten und Rollenzuschreibungen von Hunden und Pferden bei der Polizei. Die Frage, was einen guten Polizeihund ausmacht und wie er dazu wird, beschäftigte sie ebenso wie die Frage, ob Hunde Kolleg_innen sind. Polizeipferde kommen besonders häufig bei Fußballspielen zum Einsatz. Mit dem Umgang mit Fans, Ultras und der baulichen und situativen Choreographie von Spieltagen in München beschäftigte sich Theresa Buchta. Dabei wurde deutlich, dass Sicherheitsmaßnahmen Fans häufig eher verunsichern – auch weil sie zum Objekt der Kontrolle werden. Auch andere Gruppen geraten immer wieder ins Visier der Polizei. Am deutlichsten gilt dies für Randgruppen und für Migrant_innen. Migrantische Organisationen wurden als ‚Ausländervereine’ (als juristischer Begriff festgelegt seit 1964) immer wieder spezifisch kontrolliert und überwacht. Das wohl bekannteste und am stärksten legitimierte Beispiel sind dabei kurdische Organisationen. L. E. konnte jedoch durch eine Medienanalyse über mehrere Jahrzehnte hinweg zeigen, dass die Kontrolle und Wahrnehmung kurdischer Organisationen in Deutschland sich immer wieder stark verändert haben und damit weniger auf der Hand liegt, als es auf den ersten Blick scheint. Verschiebungen zeichnete auch Libuše Vepřek in ihrer Analyse von Luftfrachtkontrollen nach. Sie zeigte die vielen Schritte auf, die nötig sind, um Fracht ‚sicher’ zu machen, und wie hierbei verschiedene Logiken – wirtschaftliche, sicherheitsspezifische aber auch moralische – ineinandergreifen und sich gleichzeitig in ständiger Aushandlung befinden.

Die Ergebnisse unserer Forschungen präsentieren wir auf einem Blog