Institut für Volkskunde/ Europäische Ethnologie
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Exkursion an die Europäische Außengrenze: Spanien ‒ Marokko (21. März‒2. April 2016)

In den letzten zehn Jahren gingen regelmäßig Bilder von den Zäunen durch die Medien, die die Grenze zwischen den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla und Marokko und damit eine europäische Außengrenze bilden. Zu sehen waren Menschen, die die Zäune hochkletterten und versuchten auf die andere Seite zu kommen, wo bereits ein Aufgebot von Uniformierten der Guardia Civil darauf wartete sie zurück zu drängen. Die europäische Außengrenze in den spanischen Enklaven sowie im Mittelmeer sind medial die sichtbarsten Orte des Kampfs um das Recht auf Mobilität und die Versuche, diese zu beschneiden. Die Rede war auch hier immer wieder von einem „Massenansturm“ und von der „Festung Europa“.

Doch die Grenzen EU-Europas sind weit mehr als die territorialen, staatlichen Grenzziehungen, die sich in Zäunen, Mauern und Grenzposten materialisieren. Sie verschieben sich nicht nur aufgrund von EU-Erweiterungen sondern auch von spezifischen Formen des Regierens immer weiter Richtung Süden und Osten. Zu diesen in der Öffentlichkeit selten wahrgenommenen Formen, die sich zudem häufig als rein technische Mittel,Formate des Wissensaustausches oder als reine Hilfs- und Unterstützungsmaßnahmen gerieren, gehört zum Beispiel auch die Förderung von Nichtregierungsorganisationen, welche Aufklärungskampagnen über ‚legale‘ Wege der Migration ebenso wie abschreckende Geschichten über ‚illegale Migration‘ verbreiten sollen oder der Abschluss bilateraler Verträge mit nordafrikanischen Ländern, in denen immer häufiger der Aufbau von „Grenzschutzmaßnahmen“ und „Bevölkerungskontrollen“ auf deren Territorium gegen die Zahlung von Entwicklungshilfe getauscht wird. Die so genannte Exterritorialisierung der europäischen Außengrenze (sprich: ihre de facto Vorverlagerung in Gebiete weit außerhalb EU), zieht sich dabei auch mitten durch den Körper und die Beziehungen von Menschen vor der Außengrenze bzw. in so genannten „Drittstaaten“. Durch einen Sprachnachweis, den Menschen erbringen müssen, die über das „Ehegattennachzugsverfahren“ nach Deutschland einreisen möchten, wird der Migrationsprozess entschleunigt und zum Beispiel Goethe-Institute plötzlich auch Teil des Grenzregimes. Grenze ist im Fall der hochtechnisierten, wissensbasierten, biopolitischen und netzwerkartigen EU-Außengrenze also nicht mit territorialer, geographischer Grenze gleichzusetzen.

Von diesen Prämissen ausgehend, haben wir uns in unserer Exkursion im März 2016 dem spanisch-marokkanischen Grenzraum angenähert und erkundet, welche Akteure, Räume, Praxen sowie Imaginationen in Spanien und Marokko sich rund um Europa und seine Grenzen formieren. Es ging uns dabei um die Rolle, die Wissenschaftler_innen, Student_innen, Zäune, Sprachkenntnisse, verschiedene NGOs, und politische Stiftungen, Transiträume aber auch Transporträume wie Flugzeuge, Flughäfen und Schiffe sowie Boote einnehmen.

Sechs Fragestellungen leiteten unseren Blick während der Exkursion: Erstens ging es uns um die Herstellung von Vulnerabilität durch das europäische Grenzregime. In den letzten Jahren hat die marokkanische Polizei Migrant_innen immer wieder in den Süden Marokkos deportiert, um so ihre Bewegung zu entschleunigen und auszubremsen, Spanien wiederum hat mithilfe technologischer Systeme und personeller Kooperationen die europäische Außengrenze schon längst auf das Mittelmeer, in die Luft und nach Marokko verlagert. Zudem ist es in den letzten Jahren in Marokko vermehrt zu rassistischen Übergriffen auf Migrant_innen, z.B. in der Hafenstadt Tanger gekommen. Über diese Entwicklungen sprachen wir mit einer Vertreterin von Watch the Med in Tanger, ihnen spürten wir aber auch bei jedem Grenzübertritt nach. Zweitens ging es uns um die Konstruktion von Migration als Sicherheitsproblem, welche nicht nur in den Grenzanlagen von Ceuta deutlich wurden. Drittens interessierten wir uns für die Ökonomien der Grenze, für den „Schmuggel“ von Waren über die spanisch- marokkanische Grenze, aber auch für den Tourismus der durch die Enklaven Ceuta, Melilla und Gibraltar entsteht. Viertens und daran anschließend achteten wir auf die Vermarktung des Orients, auf Exotisierungen und Orientalismen. Vor allem in Fes und Rabat fragten wir uns, wie die beiden Städte vermarktet und wie sie vom Tourismus geprägt werden. Fünftens interessierten wir uns für die Lebenswelt von (Germanistik- )Studierenden und Deutschlernenden in Marokko (v.a. in Casablanca und Fes). Durch das Treffen mit verschiedenen Universitäts- und Sprachinstituten, entstanden über die Exkursion hinweg Kontakte zu marokkanischen Wissenschaftler_innen und Studierenden. Sechstens und nicht zuletzt fragten wir uns während der Exkursion, wie sich die Gruppe durch die Interaktionen, Grenzübertritte und Reise veränderte. In vielen Reflexionsrunden besprachen wir persönliche und Gruppendynamiken und nutzten sie als Ausganspunkt für ethnographische Beschreibungen. Denn auch das Erlernen von wissenschaftlichen Techniken wie Feldtagebuchschreiben, Interpretieren und Analysieren waren Ziele unserer Reise.

Den beschriebenen Fragestellungen und Fragen folgten wir entlang der folgenden Route: Wir starteten am 22.3. in Algeciras, wo wir nicht nur das Ende der Semana Santa, der Osterwoche erlebten, sondern vor allem auch, wie stark die Stadt vom Durchgang, von der Passage geprägt ist: Entlang der Hafenstraße reihen sich Reisebüros mit marokkanischer und spanischer Beschriftung, der Hafen lädt mit seinen vielen Pollern und wenigen Sitzmöglichkeiten nicht zum Verweilen ein. Hier übten wir das Beobachten, das Beschreiben und das Nosing Around. Von Algeciras aus machten wir am zweiten Tag, dem 23.3., zudem einen Ausflug nach Gibraltar, wo wir in einer geführten Tour nicht nur die Geschichte des Felsens vermittelt bekamen, sondern auch den Kontrast zwischen der spanischen und der britischen Version dieser Geschichte (denn eine Hälfte unseres Kurses wurde von einem britischen Guide, die andere von einem spanischen Guide durch die Stadt gefahren). Beim Grenzübertritt nach Gibraltar wurden jedoch auch die Logiken der Staatsbürgerschaft und der Grenze überdeutlich, als zwei Nicht-EU-Bürger_innen aus unserer Gruppe noch nicht einmal für einen Tag und im Schutz der Gruppe nach Gibraltar einreisen durften. Am dritten Tag, dem 24.3., machten wir uns dann auf nach Tanger. Mit der Fähre setzten wir über und erlebten so auf der Fähre bereits unseren zweiten Grenzübertritt. Nach unserer Ankunft und dem Weg zu unserem Hotel durch die Medina, erlebten wir auf einer Tour durch Tanger die Heterogenität der Stadt (unter anderem besuchten wir das Café Haffa als einen Ort der Gegenkultur). Abends trafen wir uns mit Nina Schwarz von Watch the Med, die über ihre aktivistische Arbeit und ihre Forschungen zu internationalen Organisationen in Marokko und ihre Rolle in der Migrationspolitik berichtete. Der Freitagvormittag (25.3.) stand den Studierenden zur Verfügung, um ihre individuellen Forschungssschwerpunkte in Tanger zu verfolgen, nachmittags besuchten wir dann das Germanistik-Institut der Uni Tanger und trafen Abdellatif Bousseta, Fadoua Charaa und ihre Studierenden. Am Samstag dem 26.3. fuhren wir nach Ceuta, in dem wir beobachten konnten, wie bei Lidl und Co Waren eingekauft wurden, die dann nach Marokko gebracht wurden und wo uns außerdem die „Festung Europa“ in Manifestation von Zäunen und Absperrungen aber auch von Denkmälern innerhalb Ceutas bewusst wurde. Diese Denkmäler zeigten Philosophen der griechischen Antike und anderer „großer Momente“ der europäischen Geschichte. Den Sonntag (27.3.) nutzten wir für einen Ausflug zum Strand Achakar und ein Couscous-Essen, bevor wir abends nach Fes weiterfuhren. Hier bekamen wir am nächsten Tag (28.3.) eine ausführliche Stadtführung und erlebten, was es bedeutet als Tourist_innen-Gruppe die Altstadt zu verstopfen und damit für Irritatioenn zu sorgen. Am Dienstag (29.3.) hießen uns Professor Jai-Mansouri und seine Studierenden an der Universität willkommen. Durch die Gruppendiskussion entstanden deutsch-marokkanische Gruppen, die im Anschluss zusammen Fes „erkundeten“. Am 30.3. verließen wir Fes und reisten weiter nach Rabat, in dem wir uns zunächst einen Tag Zeit ließen, um in der Stadt anzukommen. Am 31. März, dem nächsten Tag, fuhren wir dann für einen Tagesausflug nach Casablanca, wo wir uns mit Studierenden der Sprachschule Clemenceau trafen. Der letzte Tag in Marokko begann mit einem Treffen mit der Heinrich-Böll-Stiftung und endete mit einer längeren Abschlussrunde, sowie einem gemeinsamen Abendessen.

Die Exkursion wurde nachbereitet durch ein Treffen in München, bei dem wir auf der Reise entstandene Bilder ansahen und darüber sprachen, wie es nun weitergehen könnte. Eine Gruppe hat Postkarten entwickelt, die mit Fremdbildern und Reisebildern spielen und sie verfremden möchten. Eine weitere arbeitet an einer gemeinsamen Ausgabe einer deutsch-marokkanischen Zeitschrift.